Feb
14
Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens
Neueste Ergebnisse der Hirnforschung im Plauderton. Die vergangenen zehn, 15 Jahre haben hier Erstaunliches ergeben: Lernen funktioniert in vieler Hinsicht anders, als bisher angenommen. Der Autor möchte zeigen, dass tief greifende Reformen von Schule und Bildungswesen unausweichlich sind. Wichtig für Eltern, Erzieher, Lehrer und Professoren. Nicht alles wirkt dann sensationell: Dass ständiges Abprüfen gerade erworbenen Wissens dazu führt, dass unser Hirn nach der Klassenarbeit Gelerntes sofort wieder vergisst, lehrt die Erfahrung. Dass niemand unter Angst und Schrecken nachhaltig lernt, auch. Aber dass sich die altbekannte Beobachtung, nur ein von seiner Sache begeisterter Lehrer erziele Erfolge, biologisch begründen lässt, ist d
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500 spannende Seiten über Gehirnforschung,
Ein Buch über Neurobiologie, Gehirnforschung und Lernen, 500 Seiten stark, von einem Psychiatrie-Professor, der Medizin, Psychologie und Philosophie studiert hat. Uff. Die Überraschung: Man kann das Buch kaum weglegen. Manfred Spitzer zeigt auf, wie man mit Hilfe der Gehirnforschung das Lernen besser verstehen kann: “Lernen findet im Kopf statt (…) Daher sind die Ergebnisse der Erfoschung des Gehirns für das Lernen etwa so wichtig wie die Astophysik für die Raumfahrt oder die Muskel- und Gelenkphysiologie für den Sport.” Diese Ergebnisse wendet der Autor Spitzer konsequent an. Sein Buch ist reich an Beispielen, Geschichten, Illustrationen oder persönlichen Anekdoten. Diese ‘gehirngerechte’ Aufbereitung des Buches ist Beispiel und Beweis seiner Thesen. Lernen geschieht, in dem wir Einzelnes aufnehmen und das Allgemeine daraus ableiten und abspeichern. Spitzer legt anschaulich dar, wie Lernen in unserem Kopf geschieht, was es mit diesen Synapsen auf sich hat, welche Karten wir im Kopf anlegen oder was Traum und Schlaf mit Lernen zu tun haben. Weitere Teile des Buches befassen sich mit Einflussfaktoren des Lernens wie Aufmerksamkeit, Motivation und Emotionen. Gegen Ende formuliert Manfred Spitzer seine Schlüsse aus den Ergebnissen der Gehirnforschungen. Wie müsste etwa Schule heute aussehen, wenn gehirngerecht unterrichtet werden würde. Das sind durchaus persönliche Stellungnahmen, streitbar und diskussionswürdig, die aber viel Engagement für die Sache erkennen lassen.
Für mich neurobiologischen Neuling bietet das Buch einen Einstieg in ein spannendes Thema. Ein Thema, das uns gerade dieses Jahr noch häufig entgegenkommen wird – die Disziplin der Neuroökonomie etwa beherrscht gerade die Diskussionen der Volks- und Betriebswirtschafter. Für die Tätigkeit als Ausbilderin oder Trainer kann man Konkretes mitnehmen. Obwohl Manfred Spitzer kein Kochbuch schreiben wollte, lassen sich mit etwas Vorstellungskraft genügend Ideen und Anregungen für den gehirngerechten Unterricht ableiten. Unterricht und Kurse, die berücksichtigen wie Lernen nach Spitzer funktioniert: “Aus Erlebnissen der Seele werden Spuren im Gehirn.”
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| Kommentar als LinkWir können gar nicht anders, unser Gehirn lernt immer. Fragt sich nur – was?,
Es wäre verkehrt, von diesem Buch ein schematisches Rezept zu erwarten, wie wir effektiv lernen können. Im Gegenteil, es geht darum: Über die Prinzipien des Lernens nachzudenken, um sie bei verschiedenen Lebensaufgaben anwenden zu können – als Lehrender und Lernender. Der Autor erhebt aber immerhin den Anspruch, uns eine Anleitung in die Hand zu geben, wie wir unser Gehirn auf optimale Weise benutzen können. Er leitet daraus Prinzipien ab, die man bei der Gestaltung unseres Bildungssystems berücksichtigen sollte. Manfred Spitzer ist Professor für Psychiatrie an der Universität Ulm, hat ein Diplom in Psychologie und promovierte in Medizin und in Philosophie. Er ist Autor mehrerer Bücher, ist medial präsent und kann jedes Jahr eine beachtliche Publikationsliste von Fachartikeln vorweisen.
Ich fand das Buch einfach spannend zu lesen. Es sollte eigentlich ein “Muss” sein für jeden Bildungspolitiker, für alle die in irgendeiner Form von Lehre tätig sind, und für diejenigen, die sich dafür interessieren, wie ihr Gehirn arbeitet.
Wie wir lernen und was Lernen beeinflusst.
Aufmerksamkeit, Emotionen und Motivation. Ohne Aufmerksamkeit geht gar nichts. Immerhin, so, wie ein Albatros für das Fliegen optimiert ist, ist das Gehirn des Menschen zum Lernen optimiert (leuchtet ein; vermutlich deshalb müssen wir nicht mehr als Hominiden durch die afrikanische Savanne laufen). Wir lernen vor allem aus Geschichten (nicht Fakten), weil uns Emotionen antreiben. Nicht stumpfsinnige Regeln sollten wir Kindern beibringen, sondern Beispiele zeigen und vorleben (unser Gehirn ist ziemlich gut darin, aus Beispielen die Strukturen zu extrahieren; es gibt sogar Neuronen für Kategorien). Üben, üben, üben: wer viel Geige übt, vergrößert ein bestimmtes Hirnareal. Im Träumen optimieren wir vermutlich unsere Informationsverarbeitung. Was wohl nicht so viele wissen: Auch die Ratte träumt – und wir können sehen, wovon sie träumt.
Lebenslanges Lernen.
Unser Gehirn ist für das Lesen nicht optimiert (wie auch? Wir sind sieben Millionen Jahre ohne Lesen ausgekommen). Deshalb müssen wir üben, üben, üben. Mit zunehmendem Alter wird unsere Lernfähigkeit langsamer. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung ist dies jedoch kein pathologischer Prozess, sondern eine sinnvolle Anpassung: Während schnelles Lernen meist auch schnelles Vergessen bedeutet, gibt langsames Lernen mehr Gewähr, das Gelernte zu behalten. In einer Gemeinschaft brauchen wir beides.
Wir lernen in der Gemeinschaft und für die Gemeinschaft.
Ein funktionierendes Frontalhirn ist wesentlich für ein funktionierendes Sozialverhalten. Und mit 12-Jährigen über Ethik zu reden macht hirnphysiologisch keinen Sinn; Beispiele vorleben und einüben dagegen schon. Das Gehirn lernt immer, es kann nicht anders – es lernt also auch von Gewaltvideos, von Gewalt im Fernsehen und von gewalttätigen Computerspielen.
Schule (PISA), Werte, Lebensinhalte.
Es kommt weniger auf die Technik der Lernvermittlung an, als darauf, wie Lehrer und Schülern miteinander klarkommen. Optimales Lernen heißt: Beispiele sehen, es selber tun, es anderen erklären. Dasselbe gilt auch für die Wertevermittlung (beispielsweise Religionsunterricht). Menschen lernen aus Beispielen, nicht aus Predigten.
Das Buch kommt mit 511 Seiten ziemlich umfangreich daher. Eine ausführliche Literaturliste mit vielen Originalartikeln öffnet dem Interessierten (wie beispielsweise dem Kritiker, der meint, das mit den Gewaltvideos ist doch nicht so schlimm) ein weites Feld. Merkwürdig, dass ausgerechnet einige der wenigen Zitate, die ich nachschlagen wollte, in der Literaturliste nicht enthalten waren. Ich hoffe, der Rest ist vollständig.
Was gute Pädagogik aus Erfahrung schon länger weiß, stellt die Hirnforschung auf ein wissenschaftliches Fundament. Manche pädagogische Überlieferung und mancher Lehrplan gehört auf Grund der von Manfred Spitzer zusammengestellten Ergebnisse der Hirnforschung auf den Müll. Dieses Buch ist jedoch, wie schon gesagt, kein Rezeptbuch. Es ist ein Buch zum Nachdenken darüber, wie wir unser Gehirn richtig einsetzen und wie wir unseren Kindern dazu die Möglichkeiten schaffen. Es hat ganz viel mit Bildung und mit unserem Bildungssystem zu tun. Ein ganz wichtiges Buch!
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